Ein Apotheker (Emil Zeller) war dabei, ein Maler (Franz X. Gruber), ein Schlossermeister (Karl Hirsch), ein Lodererzeuger und Kaufmann (Franz X. Hofbauer) und ein Buchhalter des Sensenwerkes Kaixen (Name nicht erhalten); wir schreiben das Jahr 1887 – und wir sehen diese fünf honorigen Herren, sozusagen die ideellen Gründungsväter des heutigen Gebirgsradvereins Windischgarsten. Ob sie sich „Gebiergsradverein“ genannt haben, weil sie in den Bergen geradelt sind oder weil sie das ihre Heimat war und welche Strecken sie sich und ihren „Sportgeräten“ zugemutet haben, darüber darf gerätselt werden... Die oben genannten Herren befinden sich längst im Biker-Himmel und schauen wahrscheinlich amüsiert auf das heutige Treiben herab und wundern sich vielleicht ein wenig, was aus ihrer Idee geworden ist. Wir können sie also nicht mehr fragen, was sie denn damals umgetrieben hat, welchen sportlichen Herausforderungen sie sich gestellt haben – denn hinterlassen haben sie uns wenig: Ein vergilbtes Foto, Mitgliedsausweise, Anstecknadeln, einen Begleitbrief zu einem dem Verein gespendeten Pokal mit dem Wortlaut: „Zur nächsten Mitteilung sei bemerkt, dass dieser Trinkbecher mein Produkt derartiger Arbeit ist.“ – Ein früher Copyright-Vermerk?
Ein Märchen?
In der Folge haben die beiden Weltkriege und die Jahre des Wiederaufbaus kaum Gedanken an sportliche Betätigungen oder gar Freizeitspaß sprießen lassen. Der Gebirgsradverein Windischgarsten befand sich sozusagen im Dornröschen-Schlaf. Jahre, ja Jahrzehnte sollten ins Land ziehen ehe der zugehörige Prinz auf der Bildfläche erscheint, um – wie es ich für ein richtiges Märchen gehört – die schlafende Prinzessin wach zu küssen. Wir befinden uns in der Mitte der 80er Jahre als die Sache plötzlich ins Laufen kommt, das Märchen wahr wird. Der Prinz tritt in der Person des Andreas Stallinger auf und er wird es in weiterer Folge sein, der für die Erweckung der alten Fahrrad-Idee in Windischgarsten sorgt.
Neustart
Am Ende der 68er Bewegung, nach dem ersten Ölschocks von 1973, nach der Ausformung eines neuen Umwelt- und Ökologiebewusstseins, aber auch eines neuen Gesundheits- und Fitnessbewusstseins in weiten Teilen der Gesellschaft, entsteht, ja explodiert förmlich, Mitte der 80er Jahre eine riesiger Fahrradboom. Die Sportartikelindustrie reagiert sofort mit gleichermaßen innovativen wie attraktiven Zweirad-Produkten und schiebt den Trend zusätzlich an. Der Knalleffekt, der auch die Jugend erreicht: die Erfindung des so genannten Mountainbikes, also des Bergrades.
Nahe an der Natur
Andreas Stallinger ist es, der diese neue Situation 1987 richtig einschätzt und umgehend Gleichgesinnte – zwecks Vereinsgründung – um sich schart. Der Neustart: ein voller Erfolg! Die damaligen Ziel des Vereins: „Förderung des Radfahrens als Gesundheitssport sowie Unterstützung des Rennsports!“ Und: der neue junge Gebirgsradverein (kurz: GRV) Windischgarsten will alle ansprechen. Tagestouren mit dem Rennrad, Wochenendausfahrten, aber auch Ausflüge in die Dolomiten stehen in diesen frühen Jahren auf dem Programm. Die Devise schon damals – und erst recht als das Mountainbikefieber um sich greift – so „Natur schonend“ wie möglich!
Bergauf, bergab
Die ersten Veranstaltungen werden jetzt organisiert: Straßenrennen, Einzelzeitfahren, Vereinsmeisterschaften; 1992 wird der erste Downhill Bewerb durchgeführt - eine denkwürdige Veranstaltung, die für Furore bis weit über die Grenzen Österreichs sorgt; Und 1994 - als Novum in Österreich – ein Neujahrssprint auf Schnee, der mit einem berühmten Siegernamen Sportgeschichte schreibt: Gerhard Zadrobilek (500.000 gefahrene Rad-Kilometer). Im gleichen Jahr installiert der Verein eine Kinder MTB-Gruppe. Der erste Downhill, 1992, so erzählt uns heute die Chronik, muss heute wohl als Probelauf betrachtet werden: Die Ausstattung der damaligen Sportgeräte entspricht längst nicht den Anforderungen und die Teilnehmer verfügen zwar über eine ausreichende Portion Mut, aber weniger über die notwendige Kondition.
Erfolgsstory
In den darauffolgende Jahren entwickelt sich die Disziplin „Downhill“ weltweit; die Sportgeräte werden fitter (mit Scheibenbremsen und Motocross ähnlichen Federungssystemen), die Fahrer und –rinnen (!) sind besser trainiert und ausgestattet, die Strecken sind mit entsprechenden Sicherheitssystemen ausgestattet. Der Downhill vom Wurbauerkogel mit seinen spektakulären Streckenabschnitten und seinem einzigartigen Zieleinlauf ins Zentrum von Windischgarsten hat sich längst einen Namen gemacht – nicht nur in der einschlägigen Szene, sondern mittlerweile auch bei jährlich Tausenden von begeisterten Zuschauern. Der alte Apotheker, der Maler, der Schlossermeister, der Buchalter – man kann davon ausgehen, dass sie sich freuen...








